Paula goes India #8

Meine letzten Tage in Indien beginnen. Aber dafür habe ich in den vergangenen Wochen ziemlich viel erlebt. Ich habe eine Reise gemacht und mir Blasen an den Füßen ertanzt, um für Navratri fit zu werden. Wenn es so weiter geht, werden es wohl noch mehr Blasen werden. Aber lest selbst:

Zum Ende meines New Generation Service Exchange in Indien, habe ich mir noch eine kleine Reise gegönnt. Mit einem kleinen Koffer in der Hand ging es am 26. September um 7 Uhr früh für mich nach Surat. Surat liegt im Südosten des Bundesstaates Gujarat und ist mit 4,5 Millionen Einwohner deutlich größer als Vadodara. Mit dem Auto ist man in nur knapp drei Stunden vor Ort.

Surat ist vor allem als wichtige Hafenstadt in vergangenen Zeiten bekannt. Mittlerweile ist der alte Hafen jedoch geschlossen und ein neuer Hafen wurde unmittelbar an der Küste eröffnet. Heutzutage macht sich Surat ein Namen als aktive Wirtschaftsmetropole. Die Stadt wurde zum Zentrum für Textil- und Teppichherstellung sowie für die Herstellung von Gold- und Silberfäden.

Gemeinsam mit den Rotary-Austauschschülern (long-term Exchange 18/19) ging es für mich an einem Vormittag zur “Surat Heritage Tour”. Die Tour startete mit dem Besuch des holländischen und armenischen Friedhofes und danach ging es weiter zum englischen Friedhof. Angeblich soll es damals harte Konkurrenz zwischen den Engländern und Holländern gegeben haben, wer in Surat mehr Macht und Wichtigkeit demonstriert. Deswegen findet man auf diesen Friedhöfen keine gewöhnlichen europäischen Grabsteine, sondern stattdessen große Mausoleen. Die ältesten Gräber stammen wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert.

Als nächstes haben wir uns das alte Schloss beziehungsweise die alte Festung in Surat angeschaut, ein bedeutendes antikes Denkmal des 16. Jahrhunderts. Als Hafenstadt von internationaler Bedeutung wurde Surat immer wieder Ziel von Überfällen und Angriffen. Die Festungsanlage sollte die Stadt künftig vor den häufigen Angriffen schützen. Das Grundstück umfasst circa einen Hektar und liegt direkt am Ufer des Flusses Tapi. Auf fast allen Fotografien und Gemälden, die die Festung in vergangenen Zeiten zeigen, ist das Schloss stets aus Sicht und Perspektive des Flusses zu sehen. Woran das liegt? Blieben die Schiffe mit ihren Waren auf dem Wasser ohne im Hafen direkt anzulegen, blieb der Aufenthalt kostenlos. Die meisten Schiffe nutzen dieses Angebot natürlich gerne und so gibt es heute kaum Gemälde aus Sicht des Ufers. Lange Zeit waren das Schloss und die Festungsanlage eine Ruine. Vor einigen Jahren wurde die Restauration begonnen und es sind bereits einige Teile des Geländes rekonstruiert. Einen letzten Stopp haben wir noch eingelegt, um die C.N.I. Christ Church zu besichtigen. Die anglikanische Kirche wurde im Jahre 1824 erbaut und ist die älteste Kirche Surats. Die Heritage Tour wurde von Rotary organisiert und kam mir persönlich natürlich super gelegen. Da ich das erste Mal in Surat war, wollte ich natürlich viel von der Stadt sehen, vor allem auch das historische Surat. Diese Tour hat mir einen guten Überblick über die Geschichte und das historische Surat gegeben.

In Surat war ich bei einer Gastfamilie untergebracht. Gemeinsam mit meiner Gastmama und meinem Gastpapa sowie Freunden der Familie sind wir an einem Abend zum berühmten Dumas Choupati Beach gefahren. Vergleichbar mit der Ostsee ist dieser Strand nicht unbedingt. Die Umweltverschmutzung ist hier in Indien leider auf einem sehr hohen Level. Auch der Sand ist ziemlich hart und fest und lädt nicht unbedingt zum Entspannen ein. Baden und gemütlich im Sand liegen kommt am Strand von Dumas nicht infrage. Stattdessen haben wir uns den Sonnenuntergang angeschaut und indische Snacks am Stand verzehrt. Surat ist nämlich bekannt für gutes und vielseitiges Essen. Außerdem bin ich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Kamel geritten. Auf dem Rücken des Kamels kam es mir dann doch schon ziemlich hoch vor und wenn das Kamel sich wieder hinsetzt, um dich herunten zu lassen, bekam ich dann doch ein mulmiges Gefühl im Magen. So ging ein schöner Sonntag in Surat vorüber. Die restlichen Tage meiner “Surat-Woche” habe ich damit verbracht, mich mit den Austauschschülern sowie mit einigen Rebounds (Ex-Austauschschüler, die aus dem Ausland bereits zurückgekehrt sind) zu treffen. Meine Gastmama in Surat besucht vier mal die Woche eine Musikschule und hat mich zu einem ihrer Kurse mitgenommen. Ich hab mein erstes klassisches indisches Gesangsstück gelernt und mich ein bisschen an dem Harmonium, eine Art Mischung aus Klavier und Orgel, ausprobiert. Eine spannende Woche in Surat mit vielen neuen Eindrücken und Erlebnissen.

Am kommenden Mittwoch, dem 10. Oktober, beginnt in Indien Navratri. Ein Festival bei dem jeden Abend getanzt wird. Meistens wird genau neun Nächte lang getanzt, denn Navratri bedeutet übersetzt aus dem Sanskrit “Neun Nächte”. Manchmal wird aber auch nur acht oder sogar elf Nächte lang getanzt, das bestimmt der hinduistische Kalender. Das Fest wird meistens im September oder im Oktober gefeiert, nach der Monsunzeit. Getanzt wird anlässlich der Göttin Durga. Sie steht während des Festivals im Mittelpunkt. Aber auch an die Göttinnen Lakshmi und Sarasvati wird während der neun Nächte gedacht. Es ist das größte Festival im Bundesstaat Gujarat und soll hier am schönsten und besten gefeiert werden. In meiner Gaststadt Vadodara findet das größte Navratri ganz Indiens statt und es zieht zahlreiche Besucher für dieses Fest in unsere Stadt. Gefeiert wird auf sogenannten Garba Grounds. Garba ist der Name des Tanzes, der neun Nächte lang getanzt wird. Dieser Tanz hat seinen Ursprung im Bundesstaat Gujarat. Garba Grounds gibt es zahlreiche in der Stadt und jede Schule, jede Uni, jede Firma und jede Wohngegend feiert meistens einen Abend lang ein eigenes Navratri. Die Grounds sind hauptsächlich aufgeschütteter und festgedrückter Sand oder Rasenflächen. Üblicherweise ist der ganze Ground mit bunten Lichtern geschmückt und in der Mitte wird das Bild oder auch eine Statue der Göttin aufgestellt. Alle tanzen dann in vielen großen Kreisen um die Göttin. Auch meine Vorschule Little Millennium wird einen eigenen Garba-Abend am Donnerstag, dem 11. Oktober, veranstalten. Was trägt man während Navratri? Traditionell trägt man während des Festivals eine Kombination aus einem langen Rock, genannt Chaniya, und einer Bluse, genannt Choli. Das ganze Outfit heißt dann Chaniya Choli und wird noch mit einer Dupatta, einem leichten Tuch, und viel Schmuck verfeinert. Die Bluse ist dabei meistens sehr kurz geschnitten, so dass der Bauchnabel zu sehen ist. Dieser wird dann jedoch mit der Dupatta, die auch leicht transparent sein darf, wieder kaschiert. Der Rock wird meistens an der Hüfte festgeknüpft und in Kombination mit der Bluse ist meist der untere Rücken und die Taille frei. Chaniya Cholis gibt es in tausenden Varianten. Allein bei der Stoffauswahl kommt man ins grübeln. Baumwolle, Seide oder doch Chiffon? In diesem Jahr sind vor allem Baumwollröcke im Trend. Eine weitere Frage, über die man sich im Vorfeld Gedanken machen muss, ist die Art beziehungsweise die Aufmachung des Rockes. Es gibt keine Grenzen! Von ganz schlicht einfarbig, über Baumwollröcke mit Mustern draufgedruckt bis hin zu Röcken voller Glitzer, kleiner Spiegel, Spitzenbordüre, kleine Glöckchen und Co. Und wie sieht es mit Schuhen aus? Garba tanzt man traditionell ohne Schuhe und auch heute sind Schuhe auf allen Garba Grounds verboten. Blasen an den Füßen sind also vorprogrammiert. Da kann sogar ich schon mitreden, denn am Samstag, dem 6. Oktober, war ich zum ersten Garba eingeladen. Vielleicht erinnert sich der Eine oder Andere noch an den Blogpost “Paula goes India #5”, wo ich über meine Woche voller Workshops in der Navrachana Sama School berichtet habe. Genau diese Schule hat am Samstag den ersten Tanz gefeiert und mich zu diesem tollen Event eingeladen. Ashish und seine Familie (Freunde der Nachbarn meiner Gastfamilie und mittlerweile super gute Freunde von mir) haben mich zum Fest begleitet. Ihr Sohn Aarav geht in die vierte Klasse der Schule und war daher sowieso zum Garba-Abend eingeladen.

Seit circa drei bis vier Wochen besuche ich gemeinsam mit den Austauschschülern einen Garba-Kurs, damit wir uns bestmöglich auf das Festival vorbereiten. Zweimal die Woche für jeweils eine Stunde lernen und trainieren wir gemeinsam. Das einstündige Tanzen ohne Pause bringt uns doch mächtig ins Schwitzen. Aber da müssen wir durch und weiter üben! Schließlich wird während des Navratri Festivals deutlich länger als nur eine Stunde getanzt. Der Garba-Kurs ist jetzt vorbei und am Samstag war sozusagen der Wurf ins kalte Wasser. Ich bin doch stolz, dass ich so gut mit dem Tempo mithalten konnte und mein Garba von vielen Leuten gelobt wurde. Probe bestanden! Ab Mittwoch geht es dann so richtig los.

Jetzt neigt sich mein Austausch wirklich langsam dem Ende zu. Heute fällt der Startschuss für meine letzten zwei Wochen in Indien, die ich auf jeden Fall noch genießen werde. Auf dem Programm steht hauptsächlich Navratri und Garba tanzen, aber auch viele Verabschiedungen werden anstehen. Der nächste Blogbeitrag der online geht, wird dann sicher schon wieder aus Berlin hochgeladen werden. Mit diesen Worten geht es jetzt auf in die letzten zwei Wochen und ich sage “Bis bald, wir hören und sehen uns in Berlin!”.

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