Paula goes India #5

Die vergangenen anderthalb Wochen haben mich die Schüler und Schülerinnen in der Vorschule Little Millennium vermisst. In dieser Zeit war ich zu Gast in der Navrachana Sama School. Die Nachbarn meiner Gastfamilie sind Mitglieder meines Gastclubs Rotary Club Baroda Metro. Sie sind Mitglieder des Alumni-Programms von Navrachana Sama und haben für mich diesen Besuch in der Schule organisiert.

Navrachana Sama School ist eine der führenden Privatschulen im Bundesstaat Gujarat. Sie wurde im Jahr 1967 gegründet und zählt damit zu einer der ältesten Schulen in meiner aktuellen Heimatstadt Vadodara. Die Schule begleitet ihre Schüler und Schülerinnen vom Kindergartenalter über die Vorschulzeit bis hin zum Schulabschluss in der Sekundarstufe zwei. Über 150 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie mehr als 3.000 Schüler und Schülerinnen wuseln hier montags bis samstags durch die Gänge des großen Schulgeländes. Unterrichtsprache ist Englisch, in Ausnahmen auch mal Hindi. Das Schulemblem ist inspiriert von drei Blättern der Pappelfeige. Im Buddhismus steht die Pappelfeige als Symbol für Buddha. Den Überlieferungen zu Folge soll Buddha unter einer Pappelfeige die Erleuchtung gefunden haben. Die drei Blätter des Navrachana-Emblem stehen für die wesentlichen Facetten der menschlichen Entwicklung: Geist, Körper und Emotionen.

Neben den uns bekannten Schulfächern Mathematik, Englisch, Naturwissenschaften, Sport, Sozialwissenschaften und Kunst bietet die Schule viele weitere spannende Fächer an. Neben den klassischen sozialwissenschaftlichen Fächern Geschichte und Geografie können die Schüler und Schülerinnen in Navrachana Sama auch Handel, Wirtschaft und Psychologie belegen. Die Fremdsprachenabteilung wird mit Sanskrit, Französisch und Deutsch erweitert und der künstlerische Zweig der Schule wird mit den Fächern Grafikdesign und Modestudien perfektioniert. Eine weitere Besonderheit der Schule ist das eigene “Activity Center”, ein kleines rundes Gebäude auf dem zweiten Gelände des Schule nebenan. Das “Activity-Center” beherbergt mehrere Musikräume, Tanzräume, Instrumentalräume sowie Räume für Kunsthandwerk und war mein Handlungsraum der vergangenen anderthalb Wochen. Alle Klassen der Jahrgangsstufen eins bis zwölf haben einmal wöchentlich Unterricht im “Activity-Center”. In den Jahrgängen eins bis drei findet der Unterricht nicht im “Activity-Center” selbst statt, sondern die Lehrer kommen in die Klassenräume. Bis zur Jahrgangsstufe vier sind die “Activity-Fächer” festgelegt. Ab der vierten Klasse können die Schüler und Schülerinnen dann aus dem großen Angebot des “Activity-Centers” eine Aktivität auswählen. Neben Gesang und Tanz wird auch Percssion, Keyboard und Schlagzeug angeboten. Im Kunsthandwerk reicht das Angebot von Modellieren, über Bildhauerkunst bis hin zu Zeichnen.

Ich war, wie wahrscheinlich von euch bereits erwartet, in der Gesangabteilung tätig. Wie eine Referendarin war ich in den normalen Unterrichtsstunden im “Activity-Center” zu Gast, habe den Unterricht beobachtet, die Lehrtechniken kennengelernt und den Unterrichtsstoff kennengelernt. Ich habe Unterrichtsstunden in allen Jahrgangsstufen von Klasse eins bis zwölf  miterlebt. Des Weiteren hatte ich die Möglichkeit in den Stunden den Schülern und Schülerinnen auch etwas über die westliche Musik zu erklären und ihnen einen kurzen englischen Kanon beizubringen. Kurze Information anbei: Ein Kanon ist ein Gesangsstück, dass in mehreren Gruppen durchgeführt wird. Die Gruppen setzten in einem bestimmten zeitlichen Abstand nacheinander in das Lied mit der Melodie ein, so dass am Ende ein mehrstimmiger Gesang entsteht. Diese besondere Form der Chormusik ist in Indien nicht bekannt und so war es eine lustige und interessante Erfahrung sowohl für die Lehrer als auch für die Schüler und Schülerinnen. Zusätzlich konnte ich noch zwei Workshops für größere Gruppen von bis zu 7o bis 80 Schüler und Schülerinnen anbieten. Mein erster Workshop wurde von den Jahrgängen vier, fünf und sechs besucht, der zweite Workshop von Schülern und Schülerinnen der Klassen sieben und acht. So große Schülergruppen zu unterrichten ist doch eine beachtliche Verantwortung. Dementsprechend aufgeregt war ich am Tag der Workshops. Zu meiner Erleichterung und Freude verliefen beide Workshops super. Die Schüler und Schülerinnen waren sehr interessiert und haben konzentriert mitgearbeitet. Hauptthema meines Workshops war die westliche Chormusik, die Aufteilung der Chorstimmen in Sopran, Alt, Tenor und Bass sowie das Aufwärmen der Stimme und des Körpers vor der Chorprobe. Auch in diesen beiden großen Workshops haben die Gruppen einen Kanon gelernt, den sie nun bei einem nächsten Schulkonzert aufführen wollen.

Zurück in der Little Millennium Vorschule haben wir gemeinsam den “Red-Day” und den “Yellow-Day” gefeiert. Das aktuelle Monatsthema in der Vorschule ist “Farben”. Demnach dreht sich auch alles um Farben. Die Klassenräume sind bunt dekoriert, die Kinder sollen einen Tag mal nur Lebensmittel und Gegenstände in einer bestimmten Farbe mitbringen, es wird mit bunter Knete gebastelt und viel gemalt. Drei Farben werden ganz besonders zelebriert: Die Primärfarben Rot, Gelb und Blau. So wurde am vergangenen Montag, dem 20. August, “Red-Day” gefeiert und alle kamen gekleidet in rot und am Freitag, dem 24. August, der “Yellow-Day”, demnach kamen alle in gelber Kleidung. In dieser Woche steht Blau auf dem Programmplan. Es wird ein kunterbunter Monat auf meiner Praktikumsstelle!

Am Sonntag, dem 26. August, hat ganz Indien Raksha Bandhan, wörtlich übersetzt “schützende Verbindung”, gefeiert. Es ist ein wichtiger Feiertag im Hinduismus und ist auch als “Fest der geschwisterlichen Verbindung” bekannt. Traditionell knüpfen Frauen und Mädchen ihren Brüdern ein gesegnetes Armband, “Rakhi” genannt, um das Handgelenk. Das Armband ist meist ein mit Perlen oder ähnlichen Schmucksteinen dekoriertes Baumwoll- oder Seidenband. Vorsicht: Das Rakhi wird ausschließlich um das rechte Handgelenk des Bruders geknüpft. Die linke Hand gilt in Indien, wie in vielen arabischen Ländern auch, als unreine Hand, da sie ausschließlich zu hygienischen Zwecken genutzt wird. Man sollte das Berühren einer Person mit der linken Hand, so wie das Servieren von Essen oder Essen selbst mit der linken Hand stets vermeiden. Das Knüpfen des Bandes drückt die schwesterliche Liebe sowie den Segen aus. Sie betet für Wohlstand, Wohlbefinden und Gesundheit. Der Bruder verspricht seiner Schwester Beistand in ihrem Leben und verpflichtet sich zu lebenslangen Schutz gegenüber seiner Schwester. Ebenfalls soll das Rakhi vor Krankheit und Sünde bewahren. Viele Familienmitglieder, die in den umliegenden Bundesstaaten wohnen, kommen für diesen Feiertag extra nach Hause gereist. Ist eine Heimreise nicht möglich oder die Stadt zu fern, schickt die Schwester das Rakhi mit Segenswünschen per Post an ihren Bruder. Bevor das Rakhi um das Handgelenk des Bruders geknüpft wird, tupft ihm seine Schwester einen Tika,  einen Segenspunkt aus roten Pigmenten auf die Stirn. Im Anschluss an das Knüpfen des Rakhi werden Süßigkeiten und kleine Geschenke für die Schwestern ausgetauscht. Traditionell füttert die Schwester zuerst ihren Bruder mit einem Stück Kuchen oder einer anderen indischen Süßigkeit und anschließend füttert der Bruder seine Schwester zurück.

Sicher fragt ihr euch, was die Frauen und Mädchen machen, die keinen Bruder in der Familie haben. Nicht nur leibliche Brüder, sondern auch beispielsweise Cousins und Neffen zählen an diesem Feiertag als Brüder. Frauen und Mädchen haben das Recht sich “ihren Bruder” auszuwählen und mit einem Rakhi zu binden. Das Band macht sie dann für immer zu “Rakhi-Bruder” und  “Rakhi-Schwester”. Den ganzen Tag waren wir unterwegs und sind von einem Haus zum nächsten gefahren. Meine Gastschwestern haben ihren Cousins und engen männlichen Verwandten ein Rakhi geknüpft. Auch ich durfte meine “Gastcousins” zu meinen “Rakhi-Brüdern machen”. Ein interessantes Fest mit einer wundervollen Bedeutung!

In den kommenden Wochen stehen viele weitere traditionelle indische Feste im Kalender. Ich bin bereit für eine festivalreiche Zeit!

3 Gedanken zu „Paula goes India #5“

  1. liebe Paula, Wie immer ist dein Bericht sehr interessant! von den bunten Tagen hab ich ja schon mal gehört, aber nix vom Geschwister-Tag, Das ist ja eine tolle Sache! Wird das auch immer noch ernst genommen? Und wie sieht es jetzt mit deinem Bruder aus?
    Muss Dir noch was lustiges aus der gestrigen Probe erzählen. Du erinnerst Dich doch an Brigittes Gewohnheit, um halb neun zum WC zu gehen. Gegen dreiviertel neun gestern trafen sich Grahams Blick mit meinem und er sagte leise: oh, ist ja heute später…. Ich musste fast laut lachen..So, liebe Paula, sei weiter so aufgeschlossen und fleißig. Liebe Grüße auch von Josef. Deine Regina

  2. Liebe Paula, es ist so wunderbar, Dir auf diese Weise in Indien folgen zu können. Deine Berichte sind so lebhaft und lassen den Leser wirklich meinen, er erlebt es mit Dir. Es muss eine spannende Zeit sein, die Dich nicht nur der indischen Kultur näher bringt, sondern Dir Erfahrungen lehrt, die bleiben werden. Und es ist so schön, dass Du den Kindern (und sicherlich auch einigen Erwachsenen) dort auch etwas geben kannst: ein Stück unserer Kultur. Wie könnte man Internationalität besser leben? Freue mich auf weitere Berichte, Edda

  3. Liebe Paula, mich interessiert, welche Rolle die Flöte in der Musik Indiens spielt. Hast Du denn Dein Instrument mitgenommen und Deinen Schülerinnen und Schülern oder Deinen Freunden und der Gastfamilie was vorgespielt?
    Ich bin ziemlich erstaunt udn erfreut darüber, was Du dort alles siehst und mitgestaltest! Da möchte ich auch noch mal so jung sein und grenzenlose Erfahrungen machen…
    Ich hoffe, Du bringst uns ein indisches Stück für Flöte, damit wir uns daran freuen können!?

    Herzliche und liebe Grüße von Heidrun

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.